Samstag abend, gegen 22.45 Uhr, ein Stockwerk höher - in unserer Küche. "Der Neue" sitzt vor dem Herd mit der Absicht, sich eine Suppe zu kochen, wird jedoch vom Pfarrer abgelenkt, dem er seine "Story" erzählt. 2 Wochen lang sei er zu Fuß durch Griechenland geirrt, ohne Hab und Gut, nur mit den Klamotten, die er am Leib hatte. Er weiß nicht, was passiert ist. Einen Neuanfang wollte er starten, hier in Griechenland - weg von dem spießigen Deutschland. Seine Geschichte, von der er selbst sagt, dass er Realität nicht mehr von Wahnvorstellungen unterscheiden kann, breitet er in allen Details aus (Details, die ich euch erspare - mit sehr guten Grund, glaubt mir). Es ist der erste Tag, an dem wir beschließen, unsere Zimmer heute Nacht abzuschließen.
Sonntag Nachmittag, 15 Uhr. Ich war in der griechisch-evangelischen Gemeinde und komme gerade vom Mittagessen mit der Jugendgruppe wieder. Unten am Eingang im Erdgeschoss treffe ich "den Neuen", zusammen mit einem Kumpel, der so aussieht, als wär' er der andere "Neue". Ein kurzes Gespräch beginnt:
Der Neue (N): Ah, Hallo, gut dass du kommst - sag mal, kannst du mir helfen?
Fabi (F): Hallo, ja das kommt ganz drauf an, um was geht's denn?
N: Du, mich frierts so. Mir isch so arschkalt (er hat wohlgemerkt Ne Jacke und n Pulli vom Pfarrer an, und draußen hat's 17 Grad - also nicht soooooooo kalt. Ich steh im Pullover vor ihm). Hast du irgendwie Holz oder so?
F: Mhhh..ähhh...nein, ich hab' kein Holz. Und wir haben auch keinen funktionierenden Kamin (das wusste er auch, da wir es ihm am Abend vorher gesagt haben!)...Hast du probiert, die Heizung aufzudrehen?
N: Ja, die ist aus, geht nicht.
F: Dann musst du zum Pfarrer gehn und ihm sagen, er soll sie anmachen - ich weiß leider nicht, wo das geht.
N: Der is grad nicht da.
F: Mh..tut mir leid, dann kann ich dir nicht helfen...
N: Ok, passt schon, danke.
Unspektakulär. In meinem Zimmer angekommen schießt mir der Gedanke durch den Kopf, er könne sich ja vor den Backofen setzen. Ich muss grinsen und frage mich gleichzeitig, warum er sich nicht in seine Bettdecke einwickelt und sich auf's Sofa setzt. Als ich 30 Minuten später mein Zimmer verlasse, höre ich Stimmen aus der Küche. Über die Terasse pirsche ich mich vorsichtig heran und spähe durchs Fenster: "Der Neue" und "Der Andere" sitzen dort, unterhalten sich, rauchen eine Zigarette nach der anderen. Der Dunstabzug ist angestellt, und: Der Backofen ist offen & an. Dort sollten sie den restlichen Nachmittag verbringen, in der schönen, gemütlichen und warmen Küche...
Ok, an dieser Stelle brech' ich die chronlogisch geordnete Erzählung ab. Fakt ist, das "der Andere" am Sonntag Abend schließlich gegangen ist (er stellte sich als ein regelmäßiger Gottesdienstbesucher heraus, der hier in Griechenland Arbeit sucht). "Der Neue" ist aber noch da, und bleibt es bis Donnerstag noch, dann ist sein Zimmer reserviert - wer weiß, wie lange er sonst da wäre. Ganz geheuer ist uns Dreien hier oben das Ganze jedoch nicht - aus Gesprächen mit ihm wird uns immer klarer, dass es - weder für ihn noch für uns - die beste Lösung ist, ihn hier längerfristig zu beherbergen. Er wirkt zwar normal und redet normal - was er allerdings von sich gibt, ist alles andere als normal. Ohne böse Hintergedanken wäre es aus unserer Sicht das beste, ihn in einem der deutschsprachigen (!) Krankenhäuser hier in Athen unterzubringen - denn weder wir noch der Herr Pfarrer können ihm die Hilfe leisten, die er benötigt. Zudem fühlt man sich hier in der Wohnung auch enorm eingeschränkt - man weiß eben nie, was passieren kann, und man sieht's den meisten Leuten auch nicht an, was in ihnen vorgeht. Und nachdem er mir persönlich von seinen Aussetzern erzählt hat, die manchmal von einer Sekunde auf die andere kommen, ist mir noch unwohler. Mein Zimmer wird also bis Donnerstag definitiv dauer-abgeschlossen.
Wenigstens wird's nicht langweilig so (da sollte ich vielleicht erwähnen, dass es auch ohne ihn nicht langweilig war). Noch sehe ich es als eine gewisse Herausforderung, denn ich merke nun, wie schwer es ist, mit solchen Leuten umzugehen, und sogar mit ihnen unter einem Dach zu wohnen. Unwohl ist mir (und uns) im Moment also - und ich glaube auch nicht ganz zu unrecht (bedenkt die Details, die ich euch nicht erzählt hab' und es immer noch nicht tun werde).
Aber auch das sind Erfahrungen für's Leben - ich hoffe nur, dass sie nicht Überhand nehmen, denn allzu scharf darauf bin ich nicht.
Meine Zeilen des Tages
Abends spät, dunkel ist's draussen -
wer wird wohl heute bei uns hausen?
Man weiß es nicht, man steckt nicht drin -
meist weiß ich nicht mal, wer ich bin!
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