Mittwoch, 3. Dezember 2008

Parallelwelten

Ich glaube an das Gute im Menschen.
Circa 10 Wochen bin ich nun schon hier in Griechenland, in der Großstadt Athen. Nach ein paar Tagen oder Wochen hier - wenn man nicht nur in den Tourismus-Ecken umherstreift - bekommt man als "ersten Eindruck" der Menschen hier das Bild eines oft verbitterten, unfreundlichen, schlecht gelaunten Griechen. Wo man hinkommt - sei es in irgendwelchen Klamottenläden, Supermärkten, Buchläden, Bussen, Cafés, Restaurants etc. - in sehr vielen Fällen hat man es mit Leuten zu tun, die man in Deutschland wahrscheinlich schon entlassen hätte, weil sie die Kundschaft vergraueln (natürlich bestätigen Ausnahmen auch hier die Regel..). Ein Café mit unhöflicher Bedienung - in Deutschland kaum vorstellbar (glaubt mir, nicht in dem Ausmaß wie hier...!). Ein Lächeln am Supermarktschalter? Wer eines findet, darf mir Bescheid sagen - er/sie kriegt 'n Kaugummi.

Ich glaube an das Gute im Menschen.
Und deshalb hab' ich mir gedacht: Das kann doch nicht sein. Es können doch nicht alle Griechen schlecht gelaunt sein! Und ich hab beobachtet. Gut, nicht unbedingt immer bewusst - vor allem unbewusst. Und schon fällt's einem auf: Wenn ältere Menschen in einen Bus einsteigen (die sind ja bekanntlich immer ziemlich voll...), müssen sie eigentlich nur sehr selten stehen - immer steht irgendjemand auf und bietet seinen Sitzplatz an. Wenn man sich nach irgendetwas erkundigt, bei jemandem, der an der Bushaltestelle wartet oder durch die Stadt läuft - oft bekommt man ein Lächeln geschenkt, auch wenn einem nicht immer weiter geholfen wird. Nur selten trifft man auf genervte Leute und wird stehen gelassen. Eine Parallelwelt zum ersten Eindruck? Vielleicht könnte man es so nennen. Ja, ich nenne es so: Hier (also in Athen. Man sollte immer beachten, dass all dies wahrscheinlich nicht für die "Landgriechen" gilt - ich weiß es nicht, da war ich noch nicht so lang:-) gibt's zwei Parallelwelten, in denen jedoch jeder Grieche lebt, und zwar abwechselnd. Ich glaube nicht, dass es Griechen gibt, die nur in der unfreundlichen oder nur in der freundlichen (ok, das vielleicht eher...) Welt leben! Es gibt meiner Ansicht nach ein eindeutiges Kriterium, nach dem sich unterscheiden lässt, in welcher der beiden Welten ein Grieche gerade lebt.

Dieses Kriterium heißt Arbeit.

Ein arbeitender Grieche lebt in der unfreundlichen der beiden Parallelwelten. Sobald er aufhört zu arbeiten und Feierabend macht, wechselt er in die freundliche Welt. Eigentlich ganz simpel. Und logisch: Wer arbeitet schon gerne? Da wieder stellt sich mir die Frage: Ist es wirklich so falsch, schlechtgelaunt bei der Arbeit zu sein? Vielleicht wird das bei uns in Deutschland ja auch überbewertet - ehrlicher ist's auf jeden Fall, den Leuten zu zeigen, dass man gerade kein Bock hat, für sie zu arbeiten! Und da schließt sich der Kreis: Das Ganze ist nämlich der Ausgleich zu dem ewigen "Wie geht's dir, geht's dir gut?"! Währen sie also nicht so ehrlich, die schlechte Laune bei der Arbeit zu zeigen, würde das griechische Gleichgewichtssystem (ja, freilich das unsichbare, metaphysische System) aus den Fugen geraten und hier würde alles implodieren. Und das wollen wir ja nicht!

Fest steht jedenfalls, dass der erste Eindruck täuscht. Griechen sind keine schlechtgelaunten, immer miesepetrigen Menschen! Ich glaube, die Griechen genießen das Leben, sind fröhlich und gut gelaunt. Nur eben, wenn sie etwas tun müssen, das man nicht genießen kann, dann...

Und so bin ich auch der festen Überzeugung, dass der schlechtgelaunteste Mensch, den ich bisher in meinem Leben gesehen habe - der Mann an der Kasse der Mensa hier an der Uni (der seit neuestem offenbar das Rauchen aufgegeben hat) - in Wirklichkeit einer der nettesten, freundlichsten und hilfsbereitesten Griechen ist, die es gibt. Davon bin ich so fest überzeugt, dass ich ihn ab sofort immer nett angrinsen werde. Und vielleicht - ja vielleicht - lässt er sich eines schönen Tages auch ein Lächeln abgewinnen...

Meine Zeilen des Tages
Arbeit ist ein schweres Los, Oh We,
Wie wär der Feierabend schee!

Denn am Verdienen und Schaffen da laben,
sich wahrscheinlich nur die Schwaben!


Der Grieche jedoch, der denkt sich: Oh Wei,

Wenn's nur doch schon vorüber sei!

Denn dann kann ich fröhnen der Lebenslust,

weg, hinfort, vorbei der Frust!



PS: Ich bitte noch einmal ausdrücklich zu beachten, dass Athen eine Großstadt ist - da ist es sicherlich ganz anders auf dem Land. Zudem ist es alles eine sehr subjektive (!) Wahrnehmung, und kann keineswegs so verallgemeinert werden, wie ich es hier tue - das ist mir aber bewusst...!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ein weiterer Kommentar von Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

Man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei.